Interview

Ein Interview mit Datu Dieter Knüttel, 10. Dan Modern Arnis und Bundestrainer des Deutschen Arnis Verbandes e.V (DAV)

Geführt von:

Axel Heimsoth

Axel Heimsoth
2. Dan Modern Arnis

Axel Heimsoth (AH): Dieter, was war für Dich der Zugang zum Kampfsportbereich? Hast Du schon als Kind begonnen?

Datu Dieter Knüttel (DK): Ich begann, was in Deutschland nicht ungewöhnlich ist, mit dem Judotraining im Alter von sechs Jahren. Später, als Teenager, trainierte ich Kung Fu, Karate, Taekwondo, Bo-Jutsu, Tai Chi Chuan und andere Stile.

AH: Mit dem Erwachenswerden stellt sich für jeden Kampfsportler die Frage, das Training zu reduzieren und einen „normalen Beruf“ zu erlernen oder sich einen Beruf im Kampfsportbereich, zum Beispiel als Trainer, zu suchen. Du studiertest Sportwissenschaften an der Kölner Universität. War das ein Kompromiss für Dich?

DK: Nein, eigentlich nicht. Schon mit siebzehn Jahren unterrichtete ich Kampfsport. Nach meinem Abitur ging ich 1979/80 als Austauschstudent nach Australien. [Bild 2] Dort begann ich das Training in einer Kung Fu Gruppe, die übrigens 20 Jahre lang weiterbestand. Schon zu diesem Zeitpunkt habe ich in Australien Arnis Seminare gegeben. Wir hatten noch keine Rattanstöcke, sondern verwendeten Kricketschläger.
Nachdem ich aus Australien zurück gekommen war, machte ich eine zweijährige Bankausbildung. Mit der kaufmännischen Lehre wurde ich nicht glücklich. Zu diesem Zeitpunkt unterrichtete ich schon im Kampfsportbereich und gab in Süddeutschland Seminare. Mein Ziel war es, ein eigene Sportschule aufzubauen. Aber mein Vater überzeugte mich, meinen Berufswunsch auf eine solide Basis zu stellen und Sportwissenschaften zu studieren. Ich dachte, es sei eine sehr gute Idee und schrieb mich 1982 in Köln ein. Mein Studium schloss ich 1988 als Diplomsportlehrer ab.

AH: Nach dem Studium hast Du Dich selbständig gemacht und produziert mit Deiner Firma Abanico Kampfsportfilme. Zuerst erschienen von Dir Videos und nun DVDs zu unterschiedlichen Kampfsportarten und Stilen. Hattest Du die Idee für eine solche Filmproduktion schon als Student?

DK: Nein, eigentlich nicht. Meine Abschlussarbeit an der Universität schloss die Herstellung eines Films zum Thema Arnis ein; auch für den DAV hatte ich schon zu diesem frühen Zeitpunkt kleinere Filme angefertigt, aber dies alles war weder professionell produziert noch sah ich es als Sprungbrett zum Aufbau einer eigenen Firma an.
Meine Berufswünsche hatten sich während meines Studiums verschoben. Anstelle einer eigenen Kampfsportschule schwebte mir nun ein Beruf an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Sport vor. So begann ich für sechs Monate in einer Firma für Sportmarketing zu arbeiten. Doch ich mochte weder die Arbeitsprozesse noch die Kollegen und ich denke, es beruhte auf Gegenseitigkeit (lacht).
Da ich wusste, dass ich einen anderen Weg einzuschlagen hatte, musste ich über mein Berufsziel klar werden. Zusammen mit meiner Frau setzten wir uns zusammen und diskutierten darüber, in welchen Dingen ich gut sei. Wir kamen zu dem Schluss, dass ich gut unterrichten und vermitteln könne. Diese Fähigkeiten hatte ich ja schon mit den kleinen Lehrvideos für den DAV unter Beweis gestellt. Nun wollte ich damit mein Geld verdienen und eigene Lehrfilme zu Kampfsportarten produzieren. Zu diesem Zeitpunkt, 1988, gab es noch keine fünf deutschen Lehrvideos auf dem Markt. Dafür konnte man amerikanische Videos zu exorbitant hohen Preisen bekommen. Ich erkannte, dass in der Produktion solcher Videos die Zukunft läge und beschloss, einer der Ersten auf dem deutschen Markt zu sein und nicht zu warten, bis andere sich auf ihm etabliert hatten. Im Nachhinein war es die richtige Entscheidung, schon zu einem so frühen Zeitpunkt in die Filmproduktion einzusteigen.

AH: Was ist das spezielle Produkt Deiner Firma?

DK: Ich biete inhaltlich ein sehr umfassendes Sortiment von Lehr-DVDs im Kampfsportbereich. Der Schwerpunkt liegt aber sicher im Bereich FMA. In den einzelnen Stilen und Sportarten arbeite ich mit Koryphäen und Großmeistern zusammen, die aber nicht selber in die Kamera sprechen. Ich setze die Nachvertonung zur Erklärung der Techniken ein. Um die aus der ganzen Welt angereisten Experten richtig in Szene zu setzen, benutze ich mehrere Kameras mit denen sich verschiedene Blickwinkeln eröffnen. Auch wende ich technische Möglichkeiten an, die sich durch das Editieren und Schneiden von den DVDs ergibt. Mein Ziel ist es, den Zuschauern einen möglichst umfassenden Einblick in den jeweiligen Stil zu vermitteln. Transparent soll ein Stil sein, keine Geheimwissenschaft. Mit meiner Firmenphilosophie war ich damals in Deutschland der Erste: [Bild 3] Gute Inhalte, gute Qualität, eher ausführlichere Videos (damals, heute DVDs) und dies alles zu einem fairen Preis. Die Kunden scheinen meinem Konzept Recht zu geben.

AH: Du begannst während Deines Studiums mit Stöcken zu trainieren. Wann und wie bist Du auf Arnis aufmerksam geworden? Hast Du sofort erkannt, das er der zentrale, Dein zentraler, Stil sein wird?

DK: Nun, während meines Studiums habe ich meine Fühler in alle Richtungen im Kampfsport ausgestreckt. Besonders neue Stile haben mich interessiert. So nahm ich auch am ersten Arnis Seminar teil, welches in Deutschland veranstaltet wurde. Jackson Cui Brocka hielt es ab. Er war der erste FMA Ausbilder von Datu Kelly Worden. [Foto 4] Je mehr ich nun Arnis trainierte, um so mehr registrierte ich, dass dieser Stil es war, der mich immer schon interessiert hatte. Hinzu kam, der neue Stil, Arnis, war noch wenig bekannt in Deutschland. Ich wusste, ich konnte gut in ihm werden und würde dann zu den besten gehören. Mir eröffnete sich die Möglichkeit, mit den besten Lehrern und sogar mit Großmeistern zu trainieren. Zu diesem Zeitpunkt gab es davon nur sehr wenige und ich stellte mir vor, dass nach 20 Jahren man zurückblicken und sagen könnte: Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, diesen Kampfsport in Deutschland zu verbreiten. Diese Gedanken und Pläne hatte ich so 1982/83.

AH: Mit wem hast Du in Deutschland zuerst Arnis trainiert? Sind einige von ihnen noch heute aktiv im DAV?

DK: Bis auf Hans Karrer, der 1978 mit mir Kung Fu und später auch Arnis begann, ist keiner mehr dabei, zumindest nicht im DAV.

AH: Du gehörst zu den Gründern des DAV, des „Deutschen Arnis Verbandes e.V.“. Wie kam es zu der Gründung?

DK: Wir gehörten einem Verband an, der sehr viele Stile unter seinem Dach vereinte. Der Verband war die DAKO. Er bot bei großen Lehrgängen Vorteile, denn zu uns kamen eine Reihe von interessierten Kampfsportlerinnen und Kampfsportlern sowohl aus anderen Stilen als auch aus andern Städten. Nach einer Zeit aber fühlten wir uns in einem solch großen Verband als „fünftes Rad am Wagen“. So beschlossen wir einen eigenen Verband zu gründen, in dem es sich ausschließlich um das Training und die Verbreitung des Arnis gehen sollte.

AH: Welche spezielle Funktion bekleidest Du innerhalb des DAVs und welche Ziele verfolgst Du mit ihr?

DK: Ich habe seit der Gründung des DAVs 1985 das Amt des Bundestrainers inne. [Bild 5] Es ist ein Amt in das man für drei Jahre gewählt wird. In diesem Zeitraum muss ich – wie alle Mitglieder des Vorstands – meine Aufgaben gegenüber den Verbandsmitgliedern erfüllen, die mir bei den alle drei Jahren anstehenden Wahlen deutlich machen, ob sie mit meiner Arbeit zufrieden sind oder nicht. Glücklicherweise bin ich immer wiedergewählt worden und ich hoffe, es wird so bleiben (lacht).

Am Anfang war ich als Bundestrainer allein verantwortlich für das Lehr- und Prüfungsprogramm des DAVs. Ich schrieb alle Prüfungsprogramme und begann eigene Seminare für Schwarzgurte einzurichten. Später kamen auch Seminare für 3. Dan und höher hinzu. Schließlich gründeten wir eine Technische Kommission, bestehend aus sechs Vollprüfern und weiteren zwei gewählten Mitgliedern. Ich habe den Vorsitz in dieser Kommission inne, wir beschließen aber den Aufbau und die Ziele unseres Lehr- und Prüfungsprogramms gemeinsam.

Ich sehe aber meine Aufgaben nicht allein auf unser Modern Arnis beschränkt, sondern bin permanent auf der Suche nach neuen Wegen und Techniken, die ich in unser System integrieren kann. Um das Potenzial, das im Modern Arnis steckt, für unseren Verband noch weiter zu entwickeln, schaue ich aber auch auf die Entwicklungen, die von anderen Schülern des Professors auf den Weg gebracht werden. Ich versuche ständig das Modern Arnis, so wie ich es interpretiere, zu verbessern, indem ich auf die verschiedenen Einflüsse reagiere, sie analysiere und gegebenenfalls integriere. Schließlich entwickeln sich neue Dinge allein durch das Training und unser Stil entwickelt sich so weiter. Das ist es, was ich unter Modern Arnis verstehe: Nicht in der Tradition verhaftet bleiben, sondern auch nach vorne zu schreiten. Das ist es, was Professor Remy unterrichtet hat und wir weiterhin pflegen werden. Wir bauen mit unserem Modern Arnis auf den verschiedenen Stufen auf, wie es in der Vergangenheit unterrichtet wurde und schauen gleichzeitig nach vorne, auf neue Wege, Methoden, Techniken und neue Anwendungen.

AH: Was ist der Unterschied zwischen Modern Arnis und klassischem Arnis?

DK:
Heute wird das Modern Arnis zur Selbstverteidigung oder als Kampfkunst trainiert. Da hat sich durch die Unterrichtsmethoden von Professor Presas einiges geändert. Früher wurde direkt auf dem Arm geblockt. Mit einer Klinge getroffen zu werden bedeutet, dass der Arm dann ab ist. Daher kommt wohl auch der Begriff „disarming“. Selbst wenn man das nur mit Stöcken so trainiert, ist das eine schmerzhafte Angelegenheit. Professor Presas hat das Training dahingehend verändert, dass auf dem Stock und nicht mehr auf dem Arm geblockt wird.

AH: Welche Rolle hat Professor Presas im Modern Arnis inne?

DK:
Remy Presas führte als Werte im Modern Arnis ein: Disziplin, Respekt und Hilfsbereitschaft für deinen Trainingspartner. Eine gute Trainingsatmosphäre soll herrschen, was konträr zu der Philosophie steht, permanent gegen den Partner zu kämpfen und ihn zu töten. Der Professor hat in das Modern Arnis die Werte des modernen (Kampf-)Sports implementiert [Bild 7], tiefer, als es bei manch anderem Kampfsport heute der Fall ist. Diese Entwicklung hat nun dazu geführt, dass Modern Arnis gegenwärtig mehr ein Sport und eine Kunst und weniger ein Kriegshandwerk ist. Heute wird Modern Arnis als ein Freizeitsport betrieben, er soll Spaß und Vergnügen machen. Unsere Mitglieder machen ihn freiwillig, weil sie gut finden, was sie machen. Es steht nicht der Zwang dahinter zu trainieren, um in einer gefährlichen Situation zu überleben. Solch eine Situation kann zwar eintreten, aber die meisten unserer Schüler werden niemals einer solchen ausgesetzt sein.
Im Trainingsaufbau ging die Entwicklung dahin, dass einige Techniken geändert wurden. Anstelle der tödlichen Bedrohung im Krieg oder Dschungelkampf ist die Selbstverteidigung und eine Trainingsform getreten, in der man mit seinem Partner neue Techniken erproben und austesten kann. Dies ist zwar weniger tödlich, dafür aber auch weniger verletzungsanfällig aber immer noch effektiv. Wir unterrichten diese Form als „klassisches Arnis“, es ist der ältere, traditionellere Part im Modern Arnis. Im modernen Teil kommen weitere Techniken hinzu: Entwaffnungen, den Gegner zu Boden bringen, Würfe und anderes. Das kann man mehr in der Gegenwart anwenden.

AH: Worauf wird heute im Modern Arnis Training Wert gelegt?

DK: Das Modern Arnis, so wie wir es betreiben, steht auf 2 Standbeinen: Kampfkunst und Selbstverteidigung. In der Kampfkunst liegt der Schwerpunkt auf Koordination, Timing, Schnelligkeit, Reaktionsvermögen, Reflexschulung etc. In der Selbstverteidigung geht es darum, gefährliche Situationen schnellst- und bestmöglich beenden zu können. Funktionalität und Bewegungsökonomie sind hier besonders wichtig für uns. Beide Bereiche werden aber zusammen trainiert, so dass eines das andere unterstützt.
Im Modern Arnis geht es außerdem darum, nicht gegeneinander, sondern miteinander zu trainieren. Ziel ist es, sich zu helfen, Techniken zu erlernen und Fähigkeiten zu erwerben. Dies war auch immer ein wichtiges Anliegen in der Lehre von Professor Remy Presas.

AH: Gibt es Geheimtechniken im Modern Arnis?

DK: Nein, Geheimtechniken existieren nicht. Aber wir haben fortgeschrittene Techniken, die ich Anfängern nicht zeige, da sie die Grundlagen und Fähigkeiten noch nicht haben, um diese korrekt durchführen zu können.

Das ist in anderen Sportarten aber genauso. Bevor man im Eiskunstlaufen den Doppelaxel erlernt, muss man zuerst mal auf Schlittschuhen laufen können – ohne hinzufallen. Letztlich zählen die eigenen Fähigkeiten und keine „Geheimtechniken“.

AH: Was sind auf technischer Ebene die Prinzipien im Modern Arnis?

DK: Im Modern Arnis unterscheiden wir zwischen technischen und allgemeinen Prinzipien. Technische Prinzipien wenden wir in speziellen Techniken an, die auch in anderen angewendet werden. Nehmen wir zum Beispiel das Prinzip wie man die Technik einer Doppelstock-Situation (mit zwei Stöcken) anwendet und wir übertragen dies auf eine waffenlose Situation. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, wir führen eine Einstocktechnik aus und übertragen das Prinzip auf einen Dulo bzw. einen Palmstick oder eine waffenlose Technik. Wir übertragen die Technik mit einer Waffe auf eine andere Situation, d.h. mit einer anderen Waffe oder den waffenlosen Bereich.

Die allgemeinen Prinzipien stehen nicht in Beziehung mit den speziellen Techniken. Wir verkürzen zum Beispiel den Winkel oder bewegen uns dem Angreifer entgegen, um die Energie seines Angriffs zu verringern. Eines unserer anderen Prinzipien nennen wir „Programmierung“. In diesem Fall greifen wir unsere Gegner an und er muss – um nicht getroffen zu werden – reagieren. Seine Reaktion haben wir erwartet. Falls er nicht reagieren sollte, fein, dann landen wir einen Treffer. Er sollte also, im eigenen Interesse, um einen Treffer zu vermeiden, reagieren und wir können dies, da wir seine Bewegungen einkalkuliert haben, nutzen und seine Aktion gegen ihn verwenden.

AH: Welche Fähigkeiten versuchst Du bei Deinen Schülerinnen und Schülern zu fördern? Wie gehst Du methodisch vor?

DK: Wie ich vorgehe? Ich wende die Ergebnisse der modernen Trainingswissenschaften an. Ich führe zum Beispiel eine Technik vor und verdeutliche meinen Schülern wie diese auf verschiedene Situationen und Waffen übertragen werden kann und wie diese mit anderen Techniken in Beziehung steht. Unser deutsches Programm ist sehr ausdifferenziert und aufgebaut. Als Schüler und Fortgeschrittener lernt man unterschiedliche Teile, unterschiedliche Bausteine des Systems und je höher man kommt um so mehr stellt man fest, wie die einzelnen Bausteine und Techniken sich miteinander verbinden. Es ist wie bei einem Getriebe, wo die Zahnräder ineinandergreifen. Wir können dann sehen, ob man dann die in einer speziellen Situation erlernte Technik auch auf eine andere übertragen kann. Unsere Schüler stellen schließlich fest: „Ah, das hatte ich doch schon mal in einem anderen Bereich unterrichtet bekommen.“ Je höher man kommt, um so mehr „Ah-Effekte“ stellen sich ein. Da ich verschiedene Techniken erlernt habe, kann ich sie übertragen und situationsbedingt anwenden. Hinzu kommt, dass man ein besseres Bewegungsgefühl bekommt, was sehr wichtig ist.

AH: Kann man sagen, dass durch das Modern Arnis Training das Gehirn angeregt wird?

DK: Ja, natürlich. Wir nennen es manchmal „Gehirn-Jogging“, weil man auf diese Weise Modern Arnis erlernt: die rechte Hand, die linke hand, die linke Hand von der rechten Seite und die rechte Hand von der linken. Alle diese unterschiedlichen Bewegungen fördern die Kommunikation zwischen beiden Gehirnhälften. Unser Training hat einen Menge mit Koordination zu tun, wie man die Hände benutzt, wie das Timing ist, um im richtigen Moment das richtige zu tun. Es ist eben eine Herausforderung bestimmte Bewegungsmuster auszuführen, denn man hat als Anfänger Schwierigkeiten damit, das vorgeführte zu wiederholen. Das ist der spannende Teil beim Modern Arnis, denn in solchen Momenten passiert eine Menge in unseren Köpfen. In unserem Sport gibt es eine Menge von akademisch gebildeten Schülerinnen und Schülern, die Spaß daran haben beim Training ihren Kopf einzusetzen. Es kommt häufiger vor, dass wir Modern Arnis an Universitäten unterrichten. Hier bevorzugt man keine 1000 Faustschläge zum Aufwärmen machen zu müssen, dafür aber das Gehirn beim Modern Arnis Training einschalten zu dürfen. Unser Training ist manchmal nicht ganz einfach, aber es hat was.

AH: Nach welchen Prinzipien hast Du Dein Training aufgebaut?

DK: Nun, ich habe an der Kölner Universität Sportwissenschaften studiert und mein Diplom gemacht. Es gibt nun einmal gewisse Unterrichtsmöglichkeiten, um den Schülern neues zu vermitteln: vom Einfachen zum Komplexen, von den bekannten zu den unbekannten Techniken. Ich versuche dies in mein Training einzubauen. Wir fangen damit an, dass ich etwas unterrichte, was bekannt ist und dann zeige ich ihnen den neuen Stoff. Auf diese Weise können sie das neu gelernte mit dem was schon bekannt war in Beziehung setzen.

Jeder Mensch lernt auf eine eigene Weise. Einige müssen es hören, andere sehen, dritte müssen es immer wiederholen, andere können nur durch berühren und anfassen etwas verstehen und schließlich gibt es auch einige, die es fühlen müssen. Für mich eröffnet sich so die Möglichkeit, auf diesen verschiedenen Feldern die Sportlerinnen und Sportler zu erreichen. Je mehr „Kanäle“ ich bei ihnen ansprechen kann, um so besser können sie die Informationen in ihrem Hirn abspeichern. Es geht aber nicht darum, den Schülern diese Bandbreite der Vermittlung transparent zu machen. Es ist dann ein guter Unterricht, wenn sie diese Trainingsmethodik nicht gewahr werden.

AH: Wieweit hast Du selber diese Trainingsmethodik entwickelt und welchen Einfluss hatten Deine Arnis Lehrer?

DK: Die von mir aufgezählten Trainingsgrundsätze sind die allgemein anerkannten und werden in allen Sportbereichen angewendet. Natürlich haben mich auch meine Trainer beeinflusst, besonders wie sie Bewegungen vorgemacht und Techniken unterrichtet haben. Dies gebe ich auch an meine Schüler weiter. Aber man muss auch sagen, dass in Asien anders als in Europa unterrichtet wird. Unsere Mentalitäten unterscheiden sich und so kommt es auch zu Differenzen im Unterricht von Techniken. Für unsere Schüler ist es, mit unserer Trainingsmethodik, dann leichter die Techniken und Kombinationen zu erlernen und zu verinnerlichen. Ich habe einige methodische Punkte unserem europäischen Art des Trainierens an unser Programm angepasst. Aber natürlich kennen auch beispielsweise Master Dulay und Großmeister Tongson, die sich beide intensiv mit Arnis beschäftigt haben, die modernen Trainingsmethoden und wenden sie an. Sie unterrichten nicht allein die traditionellen alten Trainingsweisen, die sie noch selber von ihren Lehrern vermittelt bekommen haben und sind natürlich in der Lage auf die modernen Notwendigkeiten zu reagieren und Teile ihres Lehrplans auf die moderne Trainingsmethodik abzustimmen.

AH: Welche Techniken sollte man im Ernstfall anwenden? Welche Techniken und Strategien würdest Du wählen?

DK: Ich wähle nicht. Man macht so etwas nicht bewusst. Das ist eines unserer weiteren Prinzipien. Wir nennen das Prinzip „situatives Handeln“. Das heißt, wenn man angegriffen wird, muss man reagieren, so reagieren wie es für die Situation angemessen und notwendig ist. Es geht nicht darum, ein festgelegten Plan oder ein antrainiertes Raster im Kopf parat zu haben, den man trainiert hat. Unsere Philosophie im Modern Arnis ist, eine breite Ausbildung zu vermitteln. Deshalb unterrichten wir im Training sehr viele Techniken. So steht einem eine große Bandbreite von möglichen Reaktionen zur Verfügung, aus denen es situationsbedingt auszuwählen gilt. Es können unterschiedlichste Bewegungen erforderlich sein. Dinge passieren und man muss darauf reagieren, so wie es die Situation verlangt. Je mehr Erfahrung man hat und je mehr Techniken man erlernt hat, um so besser kann man in jeder Situation reagieren. Da jede Situation anders ist, müssen wir immer wieder neu und anders handeln.

AH: Kann man durch das Training mit Waffen einen anderen Zugang zum Kampfsport bekommen?

DK: Dank dem Training mit Waffen bekommt man ein Verständnis für Geschwindigkeit, Angriffswinkel, Kraft und Körpermotorik, da die Waffe lang, scharf und hart ist. Wenn man die Techniken mit den Waffen richtig ausführt, werden sie klarer als wenn man sie nur waffenlos trainiert. Aber diese Vorteile kann man nicht auf alle Bereiche übertragen. Die Techniken sind mit langen Waffen schwieriger als mit Schnittwaffen oder im waffenlosen Bereich. Eine Waffe lehrt einem Geschwindigkeit, vermittelt Körpermechaniken und die Eigenschaften, die man in der Selbstverteidigung und im Kampfsport benötigt.

AH: Dieter Knüttel, wenn man Deinen Namen liest, steht da meist „Datu Dieter Knüttel“. Was bedeutet der Begriff und wie kamst Du zu diesem Titel?

DK: „Datu“ ist in der traditionellen philippinischen Gesellschaft der Titel für die führende Persönlichkeiten eines Dorfes oder einer Region. Ähnlich ist es mit dem eines Häuptlings bei den amerikanischen Ureinwohnern.

Innerhalb des Modern Arnis steht er für Personen, die Führungsqualitäten bewiesen und Gruppen aufgebaut haben. Professor Remy Presas, der Gründer des Modern Arnis, hat mir diesen Titel 1996 verliehen. Der Titel ist weltweit seit Anfang der 80er Jahre nur sechsmal vergeben worden. Ich war der vierte und bin der einzige Europäer.

AH: Nach dem Tod von Professor Presas im Jahre 2001 hat das Modern Arnis seinen Gründer verloren. Was bedeutet das für das Modern Arnis und speziell für den DAV?

DK: Der frühe Tod von Professor Presas war natürlich tragisch. Das Modern Arnis hat mit ihm den Gründer und gleichzeitig die Integrationsfigur verloren, die alles zusammenhielt. Durch sein Ableben haben sich aus der großen Gruppe der Schüler von GM Presas viele verschiedene Modern Arnis Organisationen formiert, hauptsächlich in den USA. Hier in Deutschland hat sich für den DAV nicht viel geändert, da wir immer schon ein sehr selbständiger Verband waren. Wir hatten auch lange vorher ein eigenes Programm, nach dem bis heute trainiert wird. Wobei sich das Programm aus verschiedenen Elementen zusammensetzt.

Professor Presas hat in allen seinen Lebensphasen immer schon Techniken, die er von anderen Lehrern und Meistern aufgenommen hat, in sein Modern Arnis integriert. Insofern hat das Modern Arnis im Laufe der letzten 50 Jahren enorme Wandlungen durchgemacht. Dem versuchen wir gerecht zu werden und unterrichten nicht nur eine Phase. Wir haben durch unser Training mit den Meistern Ernesto und Roberto Presas, Christino Vasquez, Jerry Dela Cruz, Rodel Dagooc, Rene Tongson und anderen die Phase des Modern Arnis in den 60er und 70er Jahren auf den Philippinen kennen gelernt und in unserem Programm verankert.

Durch meine gemeinsamen Lehrgänge mit Dan Anderson und Bram Frank, die beide in den 80er Jahren in den USA bei Professor Presas trainiert haben, sind wir dieser Periode näher gekommen. Außerdem gibt es aus dieser Phase etliche Videos, die das Modern Arnis zu dieser Zeit gut dokumentieren. Und dann hatten wir natürlich das Glück, das Modern Arnis der 90er Jahre direkt von Professor Presas lernen zu dürfen. Man kann also sagen, dass wir hier im DAV und den uns angeschlossenen Organisationen, einen guten Überblick über alle Phasen des Modern Arnis haben.

AH: Warum gibt es keine Wettkämpfe im Modern Arnis?

DK: Wir nehmen an keinen Teil, da der Wettkampfsport sich immer an Regeln orientieren muss. Techniken werde so auf ein Minimum reduziert, damit sie unter den Bedingungen des Wettkampfes funktionieren. Aber in der Selbstverteidigung gibt es keine Regeln. Daher trainieren wir die breite Palette der Kampfkunst und Selbstverteidigung, um Fähigkeiten und Fertigkeiten zu trainieren, nicht aber, um uns deren Anwendungsgebiete durch Wettkampfregeln beschneiden zu lassen.

Uns geht es um etwas anderes. Man wird von Nicht-Kampfkunst Journalisten häufig gefragt: „Wenn Sie jemand angreift, was machen Sie dann?“ Das ist dann so wie wenn ich den Journalisten fragen würde: „Wenn ich ihnen eine Frage stelle, was Antworten Sie dann?“ Also wenn ich die konkrete Frage weiß, kann ich auch konkret antworten. Die Antwort passt sich der Frage an. So ist es auch im Modern Arnis. Man muss sich flexibel den jeweiligen Bedingungen und Situationen anpassen können und nicht starr eine eintrainierte Kombination anwenden. Es gilt körperlich und mehr noch geistig flexibel sein und seine Fähigkeiten situativ einsetzen zu lernen. Das ist eines der wichtigsten Ziele im Modern Arnis, so wie wir es verstehen und betreiben.

AH: Du hast vorhin die verschiedenen Organisationen des Modern Arnis angesprochen. Wird dort zusammengearbeitet oder schotten sich diese eher voneinander ab?

DK: In den ersten Jahren nach dem Tod von Professor Presas gab es eine große Konkurrenz zwischen den Organisationen. Alle wiesen darauf hin, dass sie doch vom Professor autorisiert seien. Das stimmt auch, es sind alle authentisch. Aber das ist eben auch das Problem. In den letzten Jahren wurde es dann etwas ruhiger.

Aber um das weitere Auseinanderdriften der verschiedenen Modern Arnis Organisationen zu beenden, haben wir 2006 auf den Philippinen einen Dachverband gegründet, die „Worldwide Brotherhood of Modern Arnis“, WBMA. Ihr gehören bisher 8 Verbände weltweit an. Über sie ist das Modern Arnis in fast 20 Ländern der Erde vertreten. Das sind sicher nicht alle Organisationen, die Modern Arnis betreiben, aber es ist ein Anfang. Wir wollten ein Zeichen setzen und mit der Gründung der WBMA sagen:

„Wie respektieren einander und arbeiten zusammen und nicht gegeneinander. Wir hoffen, dass sich noch weitere Modern Arnis Organisationen der WBMA anschließen werden.“

AH: Ist es schwierig, in Deutschland oder Europa einen Modern Arnis Lehrer zu finden?

DK: Das kommt darauf an, wo man sich in Europa befindet. In Deutschland hat Modern Arnis über den DAV eine gute Verbreitung. DAV-Trainer haben inzwischen in fast 15 Ländern Europas schon Modern Arnis in Lehrgänge unterrichtet und dort das Modern Arnis vorgestellt bzw. etabliert. Ich bin in letzter Zeit regelmäßig in Russland, um Modern Arnis dort aufzubauen, Sven Barchfeld, unser Präsident macht das gleiche in Prag/Tschechien, Hans Karrer in Ulm etc.

Wir konnten gerade Großmeister Jeremias Dela Cruz, 8. Dan Modern Arnis, in Frankfurt zu einem Lehrgang begrüßen. Auf dem LG hat mein Schüler Laurent Hittler aus Frankreich eine sehr gute 2. Dan Prüfung abgelegt. Laurent ist im Moment sicherlich der beste Modern Arnis Lehrer in Frankreich und betreibt unsere Kampfkunst schon seit über 10 Jahren. Er unterrichtet Modern Arnis in der Nähe von Paris, gibt Lehrgänge und hat den Verband „Modern Arnis France“ gegründet, der auch Mitglied in der WBMA ist. Am 19.-20. Mai bin ich z.B. in Paris. Laurent hat mich eingeladen, Modern Arnis auf einem Lehrgang zu unterrichten. So habe ich in Frankreich die Gelegenheit, Modern Arnis einem breiteren Publikum vorstellen zu können, um es so dort bekannter zu machen

Dank solchen Kampfsport begeisterten Menschen wie Laurent in Frankreich, wird Modern Arnis noch weiter verbreitet. Ich weiß, dass noch ein großes Potenzial im Modern Arnis steckt und würde mich freuen, wenn wir dieses gemeinsam erschließen würden.